Re: Blocher abgewählt!!!
von master » Mi 19. Dez 2007, 13:43
Der Spiegel über Blocher-Debakel: (meiner Ansicht nach recht schlecht recherchiert....aber inhaltlich kreativ)
SCHWEIZ
Blocher-Debakel stürzt Rechte ins Jammertal
Von Mathieu von Rohr
Aggressiv in die Opposition - diese Parole gab der rechtskonservative Schweizer Volkstribun Blocher nach seiner spektakulären Abwahl in der vergangenen Woche aus. Doch bisher sieht es nicht danach aus: Seine SVP wirkt plötzlich ratlos und konfus, die Partei kämpft mit sich selbst.
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Hamburg - Sie streiten sich in aller Öffentlichkeit. Ihre Aussagen über den künftigen Kurs der Partei widersprechen sich. Sogar eine Spaltung schien zunächst möglich - nach der Abwahl ihres Anführers Christoph Blocher aus der Regierung gibt die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) ein Bild des Jammers ab.
SVP-Politiker Blocher: Vom Verlust seines Regierungsamtes getroffen
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DPA
SVP-Politiker Blocher: Vom Verlust seines Regierungsamtes getroffen
In der vergangenen Woche verabschiedeten sich Blocher und seine SVP noch mit flammenden Worten in die Opposition – sie kündigten das System der gemeinsamen Regierung aller vier großen Parteien auf, das seit 1959 funktioniert hatte. "Sie haben unser bewährtes Regierungssystem zerstört", rief der Fraktionschef am Donnerstag in den Saal, in dem die Vereinigte Bundesversammlung tagte. "Von nun an dienem wir unserem Land außerhalb der Regierung." Für den Fall von Blochers Abwahl hatte die SVP stets mit einem Schreckensszenario gedroht: Der Oppositionsführer und Milliardär würde die Partei auf einen aggressiven Oppositionskurs führen und das Land mit Volksinitiativen und Referenden lahmlegen. Die stabile Schweiz würde erschüttert.
Doch nun, da Blocher tatsächlich abgewählt ist, wirkt die Partei überrumpelt. Und ratlos. Sie fragt sich: Was heißt das überhaupt – Opposition? Die SVP weiß es selber noch nicht.
"Opposition - ich will wissen, was das ist"
"Alle reden von Opposition", sagte etwa Rudolf Joder, Präsident der SVP des Kantons Bern. "Ich will wissen, was das ist."
Jasmin Hutter, 29-jährige SVP-Nationalrätin aus dem Kanton St. Gallen, sagte dazu am vergangenen Donnerstag: "Ich sehe das so: Wir machen einfach weiter wie bisher, nur haben wir keine Bundesräte mehr."
In dieser Antwort zeigt sich das ganze Dilemma der SVP. Jahrelang genoss sie die komfortable Situation, an der Regierung beteiligt zu sein und sich dennoch wie eine Oppositionspartei verhalten zu können. Sie kämpfte hart, verhöhnte ihre Gegner und stand oft allein gegen alle anderen – etwa wenn es um die Annäherung an die EU ging oder den Umgang mit Einwanderern.
Volksabstimmungen gewann sie relativ selten. Trotzdem profitierte die SVP von dieser Doppelrolle, gewann Profil und Wählerstimmen und legte binnen zwei Jahrzehnten stetig zu, auf heute 29 Prozent - sie wurde zur größten Partei. Die beiden entscheidenden Fragen sind nun: Kann sie ihren bisherigen Oppositionskurs überhaupt noch verstärken? Und wie viele Wähler könnte sie dadurch noch gewinnen?
SVP-WAHLKAMPF: BLOCHERS RÜDE KAMPAGNE
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Beides wird der SVP schwerfallen. Christoph Blocher gibt sich in seiner neuen Rolle als designierter Oppositionsführer auffallend zurückhaltend: Die SVP wolle das Land nicht lahmlegen, keine Obstruktionspolitik betreiben, nicht zu allem Nein sagen. "Blockaden führen zu einem Scherbenhaufen", sagte er der "Sonntagszeitung".
Zusammenraufen für die Oppositionsrolle
Von Parteifreunden, die jetzt am liebsten den Vorschlaghammer einsetzen möchten, setzt er sich ab. Er will zum Beispiel die Ausweitung der Personenfreizügigkeit auf die neuen EU-Staaten Rumänien und Bulgarien nicht um jeden Preis bekämpfen. Auch von der Volksinitiative eines SVP-Mannes, der Minarette verbieten möchte, will Blocher nichts wissen. Was ändert sich also wirklich in der Opposition?
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Wahlschlappe - wohin treibt die Schweiz?
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von mbschmid
Es ist ja auch alles sehr kompliziert: Erstens sitzen weiter zwei Parteimitglieder der SVP in der Regierung – die neugewählte Eveline Widmer-Schlumpf und Verteidigungsminister Samuel Schmid. Zwar sieht die SVP die beiden nicht als ihre legitimen Vertreter an - der Partei gehören sie trotzdem an.
Zweitens wird sich die Politik der Regierung durch die Abwahl Blochers nicht massiv verändern. Obwohl die beiden verstoßenen SVP-Bundesräte liberaler sind als Blocher, vertreten beide rechte Positionen. In der Regierung sitzen neben ihnen zwei Sozialdemokraten, zwei Freisinnige (FDP), eine Christdemokratin (CVP) – eine klare konservative Mehrheit. In vielen Fragen wird sich die SVP nicht gegen eine Regierung profilieren können, die ähnliche Positionen vertritt.
Drittens stehen gar nicht alle Abgeordneten der SVP hinter dem Oppositionskurs – der kleine liberale Flügel, dem etwa ein Dutzend der 62 Abgeordneten im Nationalrat angehört, überlegte sich zeitweise gar, eine neue Fraktion zu gründen und die beiden ausgestoßenen Bundesräte zu stützen. Erst nach einer zweieinhalbstündigen lebhaften Diskussion rauften sich die Abgeordneten am Dienstag zusammen und beschlossen mit 60 zu 3 Stimmen erneut den Gang in die Opposition.